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Auszug aus Kapitel 3. Kultur in der Hauptstadt

(Auszüge aus Berlin für junge Leute)


Perspektiven und Projekte


von Michael Bienert

Themen: Und der Haifisch, der hat Zähne | Magnet Berlin | Netzwerke, Plattformen, Off-Szene | Weltkultur und Migration | Festival das ganze Jahr | Literaturszene | Musikalische Leuchttürme
Theater | Kultur- und Museumspolitik | Ein Schloss für die Welt

Und der Haifisch, der hat Zähne
„Berlin ist eine wundervolle Angelegenheit, kannst du nirgends 500 Mark stehlen und kommen? Alles ist überfüllt von Geschmacklosig­keiten, aber in was für einem Format, Kind!“, schreibt der junge Bertolt Brecht im kalten Februar 1920 an seinen Freund Caspar Neher in Augsburg. Kurz nach seinem 22. Geburtstag ist Brecht zum ersten Mal in die Hauptstadt gereist und berauscht von den Menschenmassen, der U-Bahn, den Kaufhäusern, dem Kulturleben: „Der Schwindel Berlin unterscheidet sich von allen andern Schwindeln durch seine schamlose Großartigkeit. Die Theater sind wundervoll: Sie gebären mit hinreißender Verve kleine Blasensteine. Ich liebe Berlin, aber m. b. H.“

Brecht, der seinen Freunden freche Verse zur Gitarre vorkrächzt und Stücke verfasst, will ans Theater. Mit seinem Schulfreund und späteren Bühnenbildner Caspar Neher wird er Theatergeschichte schreiben. Aber die Eroberung Berlins ist schwierig, es laufen einfach zu viele junge Leute herum, die sich für geniale Künstler halten. Bis 1926 reist Brecht neun Mal für längere Zeit in die Hauptstadt, um Kontakte zu knüpfen. Endlich verschafft ihm ein befreundeter Regisseur eine Dramaturgenstelle am Deutschen Theater. Die Schauspielerin Helene Weigel, seine spätere Ehefrau, überlässt ihm ihre Berliner Wohnung. Der Rest steht in den Schulbüchern. In Berlin entwickelt sich Brecht zu einem der wichtigsten Theatermacher des 20. Jahrhunderts, hier feiert er 1929 einen Sensationserfolg mit seiner „Dreigroschenoper“. Aber er schreibt auch für Zeitungen, dreht mit Freunden den ersten proletarischen Tonfilm und arbeitet mit Musikern. Heutzutage würde man von einem Multimediakünstler reden, der mit allen möglichen Stoffen und Formen experimentiert. Brecht will die Gesellschaft verändern, er wird Kommunist und muss 1933 vor den Nazis aus Deutschland fliehen.

Fünfzehn Jahre später kehrt er zurück in die „Stadt, die klug macht“. Mit Helene Weigel baut er bis zu seinem Tod 1956 das Berliner Ensemble auf, ein Theater mit Weltruf. Brechts letzte Wohnung an der Chausseestraße 125 ist heute ein Museum, das Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof eine Pilgerstätte.

Vor dem Berliner Ensemble sitzt der Dichter in Bronze gegossen, der Platz trägt seinen Namen. Kinder nutzen das Denkmal gern für Kletter­übungen. Im Theater nebenan wird seit zehn Jahren die „Dreigroschenoper“ in einer Inszenierung des amerikanischen Regisseurs Robert Wilson gespielt, seit über 20 Jahren steht Brechts „Arturo Ui“ in der Inszenierung von Heiner Müller auf dem Spielplan.


Magnet Berlin
Berlin hat sich seit den Tagen Brechts stark verändert, doch seine Anziehungskraft auf Künstler und Kreative hat nicht nachgelassen. Sie strömen nicht nur aus der Provinz nach Berlin. In den letzten Jahren waren auf den großen Gegenwartskunstausstellungen rund um den Globus auffällig viele Künstler vertreten, die in Berlin ihr Atelier, aber anderswo ihre Wurzeln haben. Der isländische Installations- und Lichtkünstler Olafur Eliasson leitete hier von 2009 bis 2014 ein „Institut für Raumexperimente“, sein chinesischer Kollege Ai Weiwei lehrt seit 2015 an der Universität der Künste. Mit mehrjähriger Verspätung kam der chinesische Weltstar nach Berlin, nachdem er in seiner Heimat inhaftiert und mit einem Ausreiseverbot belegt worden war. Drei Jahre lang will Ai Weiwei mit 16 ausgewählten Kunststudenten an Projekten arbeiten, die brisante Themen wie Flucht und Vertreibung aufgreifen. Nur Bewerber, die Wünsche und Ziele jenseits der Kunst und des Kunstmarkt formulierten, hatten eine Chance, in Ai Weiweis Klasse aufgenommen zu werden.

Neben dem regen Kulturleben gibt es ganz profane Gründe für die Anziehungskraft der Stadt. Verglichen mit anderen Metropolen konnte man in Berlin immer relativ billig leben, die Mieten waren niedrig, wenn man knapp bei Kasse war wie die meisten Künstler, fiel man damit nicht unangenehm auf. Es gibt Kulturförderprogramme, von denen auch zugewanderte Künstler profitieren. Anregend wirken die Sprödigkeit und Unaufgeräumtheit Berlins. Die historischen Brüche und die sozialen Verwerfungen liegen dicht an der sichtbaren Oberfläche. Ein „Trainingslager für den vorurteilsfreien Blick“ nannte der ehemalige Festspieleintendant Ulrich Eckhardt die Stadt und eine „Relaisstation für Expeditionen ins Ungewisse.“

Zehntausende schlagen sich in der Stadt als Maler, Bildhauer, Medienkünstler, Schauspieler, Regisseure, Filmleute, Autoren, Musiker, Tänzer, Architekten durch. Die meisten leben am Existenzminimum. Deshalb hat sich 2012 eine „Koalition der Freien Szene“ zusammen gefunden, die eine gerechtere Verteilung der öffentlichen Kulturausgaben fordert. Von den über 400 Millionen Euro, die Berlin jährlich für die Kultur ausgibt, fließen über 90% in feste Strukturen, in denen etwa 1900 Menschen beschäftigt sind, rechnete die Koalition vor. Schätzungsweise zehnmal so viele Künstler balgen sich um den kümmerlichen Rest und um das, was der kommerzielle Medien- und Kunstmarkt an Künstlerhonoraren abwirft. Einige profitieren davon, dass Berlin seit einigen Jahren wieder wächst, sowohl in puncto Wirtschaftskraft, als auch durch neue Einwohner. 60.000 Neuberliner waren es im Jahr 2016. Diese Entwicklung führt jedoch auch zu rapide steigenden Mieten und Lebenshaltungskosten. Freiräume für unangepasste Künstler verschwinden, das in den Immobilienstandort Berlin strömende Geldkapital ist eine Bedrohung für das schöpferische Kapital der Stadt geworden.

Wenigen Kreativen gelingt eine glanzvolle Karriere wie Brecht. Aber die Stadt profitiert eben auch von denen, die nicht den Sprung ins strahlende Rampenlicht schaffen. Dass die Kreativen immer noch das wichtigste Kapital von Berlin sind, das haben inzwischen auch die Politiker begriffen. Wirtschaftlich hat die Stadt die jahrzehntelangen Teilung, die Abwanderung vieler Unternehmen nach dem Mauerbau aus West-Berlin und den Zusammenbruch der Industrie im Osten nach dem Mauerfall noch nicht verwunden. Doch als Kultur- und Wissensmetropole kann Berlin mit Paris, London oder New York konkurrieren und lockt damit auch Firmen und Start-Ups an. Nicht zu vergessen die Touristen, über 31 Millionen, davon kamen 45% aus dem Ausland.

(…)
Ein Schloss für die Welt
Auf dem Schlossplatz geht das ehrgeizigste Berliner Kulturprojekt der Vollendung entgegen: das Humboldt-Forum. Das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte, 1950 auf Befehl der DDR-Führung gesprengte Stadtschloss soll als moderner Kulturpalast mit barocker Außenfassade wiederauferstehen. Seit der Wiedervereinigung ist heftig darüber gestritten worden, was mit diesem Ort geschehen solle. Einigkeit herrscht darüber, dass allein eine kulturelle Nutzung angemessen ist. Schon nach dem Ende des Kaiserreiches, in der Weimarer Republik, wurde die ehemalige Hohenzollernresidenz zum Museum umfunktioniert. Die DDR errichtete mit dem 1976 eingeweihten Palast der Republik eine multifunktionales Kulturzentrum, in dem auch die DDR-Volkskammer tagte, doch vor allem war „Erichs Lampenladen“ ein beliebtes Haus für Konzerte, Show, Kleinkunst, Ausstellungen und Gastronomie. 2008 verschwanden die letzten asbestverseuchten Reste dieses prominenten DDR-Symbols von der Erdoberfläche. Der Bundestag hat beschlossen, die Schlossfassade weitgehend wiederaufzubauen und ein Humboldt-Forum darin einzurichten – an dieser Vorgabe orientiert sich der Entwurf des Italieners Franco Stella, der den Architekturwettbewerb für sich entscheiden konnte.

Der Name Humboldt-Forum erinnert an die weltläufigen Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, von denen sich der eine stärker zu den Geisteswissenschaften, der andere zur Naturforschung hingezogen fühlte. Im Humboldt-Forum werden die ethnologischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz neben den naturwissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität gezeigt, außerdem will sich Berlin in einer Ausstellung als weltläufige Stadt präsentieren. Wilhelm von Humboldt hat den modernen Bildungsbegriff geprägt, das Ideal von Persönlichkeiten, die sich in der Beschäftigung mit Kultur vielseitig entwickeln. Wie die von Humboldt mit begründete erste Berliner Universität, die ebenfalls den Namen der Brüder trägt, soll auch das „Humboldt-Forum“ dafür ein Labor werden. Dass es eines der bedeutendsten Museumsprojekte Deutschlands ist, begreift man spätestens wenn man sieht, wer seit 2016 Gründungsintendant ist: einer der besten Museumsdirektoren der Welt, der Schotte Neil MacGregor, der 13 Jahre lang sehr erfolgreich Direktor des Britischen Museums in London war.

Die Idee des Humboldt-Forums ist unumstritten (anders als ihre architektonische Ausformulierung), weil sie sich ganz zwanglos in die Museumsgeschichte Berlins einfügt. Das erste Museum überhaupt war die königliche Wunderkammer im Hohenzollernschloss, die neben Kunstobjekten auch Naturalien und allerlei seltsame Dinge aus der weiten Welt verwahrte. Als Ergänzung und Gegenpol zum Schloss baute Karl Friedrich Schinkel das erste Berliner Museumsgebäude auf der anderen Seite des Lustgartens: das 1830 vollendete Alte Museum. Bald war es zu klein. Bis 1930 füllte sich die Halbinsel hinter Schinkels Kunsttempel mit dem Neuen Museum, der Alten Nationalgalerie, dem Bode- und Pergamonmuseum. Heute zählt die Museumsinsel zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist einer der stärksten Touristenmagnete der Stadt. Die nach der Wiedervereinigung begonnene Sanierung und Neueinrichtung der einzelnen Häuser soll sich noch bis 2025 hinziehen, mindestens 1,5 Milliarden Euro werden verbaut.

Die Bauarbeiten für ein neues Eingangs- und Erschließungsgebäude am Kupfergraben begannen 2013 mit Verspätung, weil der sumpfige Berliner Untergrund auch in diesem Fall für eine Bauverzögerung und Kostenexplosion sorgte. Die Planung liegt in den Händen des britischen Architekten David Chipperfield, dem beim Wiederaufbau des 2009 fertiggestellten Neuen Museum eine mustergültige Symbiose von Alt und Neu geglückt ist. Frank Stellas „Humboldt-Forum“ wird die Museumsinsel räumlich und inhaltlich erweitern – um die außereuropäischen Kulturzeugnisse und die naturwissenschaftliche Perspektive. Das ehrgeizige Ziel ist eine Art Berliner Louvre mitten in der Stadt, ein Universalmuseum, das die Kulturgeschichte der Menschheit seit der Antike ausbreitet.

Das Schloss war seit dem ausgehenden Mittelalter das Macht­zentrum der Stadt, es lag genau in ihrer Mitte, als 1918 der letzte Kaiser abdankte. Dank der Kulturschätze, die preußische Könige und Kaiser angehäuft hatten, entstand jedoch kein Vakuum. In Zukunft soll die kulturelle Ausstrahlung mit dem Ausbau der Museumsinsel und mit dem „Humboldt-Forum“ noch gesteigert werden. Von dort sind es nur ein paar Schritte zur Staatsoper, zum Deutschen Historischen Museum, zur Humboldt-Universität und zur mächtigen Staatsbibliothek Unter den Linden. Die Stadtmitte als Schatzkammer, als Hort des Schönen, als Diskussionsforum und Ort kultureller Bildung: das ist die Zukunftsvision, an der Berlin baut.


Der Autor publiziert neben Büchern auch aktuelle Kulturnachrichten
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