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Eine Stadt - Viele Welten

(Auszüge aus Berlin für junge Leute)


von Prof. Andreas Nachama, Leiter der Stiftung Topographie des Terrors und Rabbiner in Berlin

Überblick:

Berlin wird gegründet – Die Reformation in Berlin – Der Dreißigjährige Krieg verwüstet Berlin – Die Zeit des großen Kurfürsten – Berlin wird Hauptstadt Preußens – Bilanz einer Versuchung – Die Besetzung Berlins durch Napoleon – Berlin im Zentrum der Revolution von 1848 – Berlin zur Zeit der industriellen Revolution – Berlin wird Reichshauptstadt – Berlin im Ersten Weltkrieg – Die Weimarer Republik – Berlin unter nationalsozialistischer Herrschaft – Folgen des Zweiten Weltkrieges – Die Nachkriegsvereinbarungen der Alliierten – Die Zeit der Blockade – Der Volksaufstand – Das Chruschtschow-Ultimatum – Der Bau der Mauer – Berlin nach dem Mauerbau – Entspannungspolitik und Vier-Mächte-Abkommen – Der Fall der Mauer – Eine Stadt – viele Welten

Als 1237 die Brandenburger Markgrafen das Abkommen über die Stadtgründung schlossen, lag Berlin im Wilden Osten. So wie der Wilde Westen Amerikas kolonialisiert wurde, musste zunächst Berlin für die abendländische Zivilisation erschlossen werden. Einen ersten Schritt dazu hatte ca. 400 Jahre zuvor Karl der Große getan, als er „die Sachsen auf das Haupt schlug“ „so dass sie Plattfüße bekamen“, wie es unzählige Schülergenerationen als Konsekutivsatz eingetrichtert bekamen. Dahinter stand die Jahrhunderte währende langsame Verschiebung der politischen Machtzentralen von Rom über das Rheinland gen Osten.
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Die Reformation in Berlin


Während des 16. Jahrhunderts setzten sich in Berlin die Lehren des Reformators Martin Luther durch. Der Kurfürst Joachim II. verhinderte, dass Berlin durch Glaubenskämpfe zerstritten und aufgerieben wurde. Er bekannte sich entschieden zur Reformation, so dass sie 1539 als neue Kirchenordnung in der Mark Brandenburg eingeführt wurde. Berlin entwickelte sich zu einem Zentrum des Protestantismus.

Der Dreißigjährige Krieg verwüstet Berlin


Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) überzog Berlin mit all seinen grausamen Folgen. Mehrfach wurde die Stadt von kaiserlichen oder von schwedischen Truppen oder auch von der „Soldateska des Kurfürsten“ verwüstet. Freund und Feind verwüsteten das Land so, dass niemand mehr darin wohnen wollte. Durch die Kriegseinwirkungen und durch Epidemien sank die Einwohnerzahl Berlins von 12.000 auf 6.000.

Die Zeit des großen Kurfürsten


Unter Friedrich Wilhelm, dem Großen Kurfürsten, begann der Wiederaufbau. Um den großen Bevölkerungsverlust auszugleichen, nahm er Glaubensflüchtlinge aus vielen Teilen Europas auf: Im Jahre 1671 aus Wien vertriebene Juden und 1685 die in Frankreich verfolgten Hugenotten. Der Kurfürst gewährte den angeworbenen Franzosen Steuererleichterungen; in dem von ihm am 29. Oktober 1685 unterzeichneten „Edikt von Potsdam“ sicherte er ihnen außerdem eine eigene Verwaltung, eigene Schulen und freie Religionsausübung zu. Die Hugenotten waren vor allem Verwaltungsfachleute, Kaufleute und Handwerker; durch sie kamen neue Manufakturbetriebe nach Berlin. Noch heute zeigen sich in Berlin Traditionen der hugenottischen französischen Einwanderung. Noch immer gibt es eine französische Kirchengemeinde; der Französische Dom, der 1983 seine im Zweiten Weltkrieg zerstörte Kuppel wiedererhielt, gehört zu den Wahrzeichen der Stadt.

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Außerdem existieren im Berliner Dialekt noch zahlreiche sprachliche Relikte (so wird in Berlin eine sonst „Frikadelle“ genannte Fleischspeise als „Boulette“ bezeichnet). An den Großen Kurfürsten und an seine tolerante Herrschaft erinnern sich noch heute am Reiterstandbild vor dem Charlottenburger Schloss die Hugenotten am „Tag des Refugies“.

Berlin wird Hauptstadt Preußens


Im Jahre 1701 krönte sich der herrschende Kurfürst in Königsberg Friedrich I., zum König in Preußen. Die Residenz Berlin wurde unter seiner Regentschaft zur wichtigsten Stadt des neuen Königreiches. Mit einigen Vorstadtsiedlungen wurden Cölln und Berlin 1709 zu einer noch größeren Stadt zusammengeschlossen. In der Regierungszeit von Friedrich II., der Preußen zur Großmacht führte, wurde Berlin zu einem Zentrum der Wissenschaften, der Kultur und der Aufklärung. Der Monarch, der als Friedrich der Große in die Geschichte einging, zog Philosophen, Künstler und Gelehrte an seinen Hof nach Sanssouci in Potsdam und prägte das „geistige Klima“ Berlins. Bekannt ist der philosophische Gedankenaustausch Friedrich II. mit dem französischen Aufklärer Voltaire, der in vielen Briefen festgehalten ist.
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Die Weimarer Republik


Nachdem das Deutsche Reich den Krieg verloren hatte, dankte der Kaiser ab, die Zeit der Monarchie war zuende. In der Folgezeit war Berlin Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, aber auch zwischen Links- und Rechtsextremisten, die eine neue Republik einrichten wollten. Die Sozialdemokraten setzten sich mit ihren Vorstellungen einer parlamentarischen Demokratie durch; Reichspräsident wurde Friedrich Ebert (SPD). In diese Zeit fiel eine für die Entwicklung der Stadt bedeutsame Entscheidung. Durch ein Gesetz, das am 27. April 1920 der Preußische Landtag verabschiedete, wurde aus Berlin, sieben anderen Städten, 59 Gemeinden und 27 Gutsbezirken eine neue einheitliche Stadtgemeinde, die den Namen Groß-Berlin erhielt. In einem Stadtgebiet von 878 km2 lebten rund vier Millionen Einwohner. Berlin entwickelte sich zur europäischen Metropole. In der kurzen Zeit zwischen politischen Nachkriegsunruhen und den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise erlebte Berlin einen kulturellen Höhepunkt: Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ mit ihren ausschweifenden Zügen hatten in Berlin ihre „Hauptstadt“; Malerei, Film, Musik und das Zeitungswesen fanden heute kaum noch vorstellbare Bedeutung. Die durch den New Yorker Börsenkrach ausgelöste Weltwirtschaftskrise traf Berlin in voller Härte. Arbeitslosigkeit, Steuererhöhungen bei gleichzeitigen Lohnsenkungen und soziale Verarmung führten zu einer Stärkung der radikalen Parteien. Kommunisten und Nationalsozialisten lieferten sich blutige Straßenschlachten. Zwischen diesen Extremen wurden die demokratischen Parteien zerrieben. Die Nationalsozialisten proklamierten auf ihrem Weg zur Macht den „Kampf um Berlin“.

Berlin unter nationalsozialistischer Herrschaft


Nach der Machtübernahme durch den Führer der Nationalsozialisten, Adolf Hitler, der sich im Reichstag die Mehrheit für ein undemokratisches Ermächtigungsgesetz verschaffte, bekam auch Berlin die Folgen der neuen Herrschaft zu spüren. Die kommunale Selbstverwaltung wurde aufgelöst, die Verwaltung der Stadt übernahm ein nationalsozialistischer „Staatskommissar“. Erstes Fanal war die von den Nationalsozialisten inszenierte Zerstörung des Reichstages, die ihre eigene Position stärken sollte. Berlin wurde nach 1933 Zentrale und Mittelpunkt des Naziterrors. Hier verbrannten die Nazis auf dem Opernplatz die Bücher von ihnen missliebigen Autoren, hier stand das Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), hier hatte auch der Volksgerichtshof, der durch seine grausamen und obrigkeitshörigen Urteile traurige Berühmtheit erlangte, seinen Sitz. Am 9. November 1938 erlebte die Stadt die „Kristallnacht“, ein Pogrom, bei dem Synagogen und jüdische Geschäftshäuser zerstört wurden. In Berlin fand auch die „Wannsee-Konferenz“ (20. Januar 1942) statt, die die menschenverachtende so genannte „Endlösung der Judenfrage“ festlegte.

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Holocaust-Mahnmal © Herden

Heute leben in Berlin wieder über 12.000 Juden, viele aus der ehemaligen Sowjetunion – vor der nationalsozialistischen Herrschaft waren es 160.000 Juden. Berlin war aber auch der Ausgangspunkt der Widerstandsbewegung gegen Hitler und den Nationalsozialismus. Widerstandskämpfer gab es in den Arbeiterbewegungen und im Militär, in kirchlichen Kreisen und in bürgerlichen Gruppen. 89 Opfer gehörten zum Kreis um Oberst Stauffenberg. Das Attentat auf Hitler (20. Juli 1944) sollte den längst als verloren erkannten Krieg beenden. Auch Berlin wäre viel erspart geblieben. An diesen Widerstand erinnern heute u.a. die Gedenkstätte Plötzensee, wo eine Vielzahl von Todesurteilen vollstreckt wurde, und die „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ in der Stauffenbergstraße. 1987 kam als weitere Gedenkstätte die Topographie des Terrors hinzu, die auf dem Prinz-Albrecht-Gelände die Terror- und Verfolgungszentralen des „Dritten Reiches“ dokumentiert.
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Ehemaliger Grenzübergang Checkpoint Charlie heute © Herden

Der Fall der Mauer


Berlin war eine Stadt mit verschiedenen gesellschaftlichen Systemen. Berlin (Ost), Hauptstadt der DDR und Berlin (West), der Garant für die Freiheit Europas. Jede der Stadthälften entwickelte sich eigenständig.
Durch die Politik Michail Gorbatschows – Glasnost und Perestroika (Offenheit und Wiederaufbau demokratischer Strukturen) – kam die Chance, die staatliche Einheit wiederherzustellen.

Forderungen nach Meinungsfreiheit wurden in der DDR spätestens 1988 unüberhörbar. Zwar zeigten sich Lockerungen auf kulturellem Gebiet, so kamen zu den 38. Berliner Festwochen erstmals Künstler aus der DDR nach Berlin (West), doch es blieb der politische Grundwiderspruch. Während sowjetische Politiker zu mehr Offenheit und Freizügigkeit rieten, blieben westdeutsche Politiker zurückhaltender und zeigten sich überrascht, als der damalige US-Präsident Reagan bei seinem Berlin-Besuch am 12. Juni 1987 in einer Rede vor dem Brandenburger Tor den sowjetischen Präsidenten Gorbatschow aufforderte, die Mauer abzureißen.

Im Sommer 1989 begann eine Massenflucht aus der DDR. Über die Bonner Botschaften in Budapest, Warschau und Prag kamen die Menschen in Sonderzügen in die Bundesrepublik. Im weiteren Verlauf der friedlichen Revolution begannen im September in Leipzig die Montagsdemonstrationen mit der Parole: „Wir sind das Volk“. Zur größten Kundgebung kam es am 4. November in Berlin zwischen dem Alexanderplatz und dem Marx-Engels-Platz. Zwischen 500.000 und 800.000 Menschen demonstrierten für Freiheit und Demokratie, für einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Inzwischen gab es erste Reformversuche der Politiker, Erich Honecker wurde abgelöst und Egon Krenz sein Nachfolger. Am 9. November 1989 verkündete Günter Schabowski eher beiläufig im Rahmen einer Pressekonferenz den Beschluss zur Reisefreiheit, der noch in derselben Nacht spontan zur Öffnung der Mauer führte.

Noch in der Nacht setzte ein Sturm der Ostberliner nach West-Berlin ein. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, die Euphorie war unvorstellbar. Allerdings war niemand so überrascht wie die politische Führung Berlins (West) und der Bundesrepublik. Der Kanzler weilte zu einem Staatsbesuch in Warschau. Helmut Kohl eilte am Vormittag – eben diesen Staatsbesuch unterbrechend – herbei, und sang zusammen mit anderen Politikern auf dem Balkon des Rathauses Schöneberg, auf dem John F. Kennedy bekannte, ein Berliner zu sein, das Lied „Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand“, das eine neue Bedeutung erhalten hatte.

Die „Zwei-plus-vier-Gespräche“ (bestehend aus den Außenministern von DDR, BRD und Alliierten) bereiteten den Einigungsprozess vor. Der 3. Oktober wurde zum Tag der Deutschen Einheit erklärt. Am 2. Dezember 1990 fanden die ersten gesamtdeutschen Wahlen statt.

Die Stadt wuchs zusammen. Sehr schnell war von der anfänglichen Euphorie nichts mehr zu spüren. Die Strukturreformen, die Auflösung etlicher Betriebe in der ehemaligen DDR und ihre Übernahme in das westliche Wirtschaftssystem führten zu hohen Arbeitslosenzahlen. Die Unzufriedenheit wuchs.

25 Jahre nach dem Fall der Mauer kann dennoch festgestellt werden, dass der Glücksfall der Geschichte, die Einheit Deutschlands 45 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wieder hergestellt zu haben, ein wirklicher Glücksfall der Geschichte bleibt.

Eine Stadt – viele Welten


Dieses Glück musste dann im Dickicht des durch Jahrzehnte aufgebauten Doppelberlin mühselig zusammengeführt werden. Straßen wurden über den Todesstreifen hinweg wieder geöffnet, Bahnlinien zusammengeführt, Telefonleitungen zusammengeflickt, Wasser- und Stromleitungen miteinander verbunden.

Mit einem gewaltigen Investitionsprogramm ist in den Jahren seit der Vereinigung der zur Einöde verkommene Potsdamer Platz zu einem neuen urbanen Zentrum des 21. Jahrhunderts, die Friedrichstraße zu einer – dem Kurfürstendamm gleichstehenden – Flaniermeile entwickelt worden und ein Regierungsviertel entstanden, dass das Gebiet zwischen Reichstag und Schlossplatz wieder zur Guten Stube Berlins verändert hat. Auch zwischen Hackeschen Höfen und Neuer Synagoge entstand ein Quartier, eine mit jüdischer Symbolik und Inhalt gefüllte Meile, die ihresgleichen im Nachkriegsdeutschland suchen kann. Die goldene Kuppel der Neuen Synagoge gehört wieder zu den Wahrzeichen der Stadt. Hieß es in der eingemauerten Spreemetropole in der legendären Frontstadtradiosendung des RIAS: „Der Insulaner“, dass aus der Insel wieder ein Festland werden möge, sagte man zur 750-Jahr-Feier 1987: Eine Stadt – zwei Welten, so könnte man heute sagen: Eine Stadt – viele Welten: Vom Kiez in Neukölln, über die Einkaufswelten am Potsdamer Platz, den Industriestandorten in Siemensstadt, den türkischen Basaren in Kreuzberg, den jüdischen Lebenswelten in Mitte, dem Flair der Kunstmetropole zwischen Museumsinsel, Schloss Charlottenburg, Kulturforum und den vielen neuen Galerien bis hin zum Regierungsviertel mit seinen alten und neuen Botschaften.

Mit dem Beschluss des Deutschen Bundestages vom 20. Juni 1991, den Parlaments- und Regierungssitz von Bonn nach Berlin zu verlagern, hat sich das Zentrum der politischen Entscheidungen entsprechend verschoben. Die Hauptstadtfunktion Berlins wurde im Rahmen der Föderalismusreform im Jahr 2006 in Artikel 22 des Grundgesetzes festgeschrieben. Inzwischen siedeln sich immer mehr Organisationen, Verbände und Institutionen mit ihren Zentralen oder wenigstens mit einer Dependance in Berlin an.

Über 12 Millionen Touristen im Jahr sind ein Indiz dafür, dass sich Berlin als multikulturelle Metropole im besten Sinne entwickelt. Dazu trägt natürlich auch die positive Entwicklung Berlins als Wirtschafts-, Bildungs- und Messestandort bei. Nicht zuletzt setzt die prosperierende Entwicklung in den Bereichen Kunst, Neue Medien und der Musikwirtschaft Anreize, dass Menschen aus aller Welt temporär oder auch für immer in der Stadt leben und arbeiten.

Im Jahr 2012 feierte die Stadt das Jubiläum „Berlin wird 775“. Es war nach 1937 und 1987 das dritte Mal, dass die Berliner Stadtgeschichte präsentiert wurde. Vier Jahre nach der Machtübernahme 1933 nutzten die Nationalsozialisten die 700-Jahr-Feier für ihre Propagandazwecke. Die Feierlichkeiten dauerten eine Woche. Sie fanden überwiegend im Freien statt und richteten sich insbesondere an die Berlinerinnen und Berliner selbst. Demgegenüber führte die Medienpräsenz zu den Feierlichkeiten im Jahr 1987, die in Ost- und Westberlin mit dem jeweils eigenen Blick auf die Geschichte begangen wurden, zu landesweiter Aufmerksamkeit. Wie im Jahr 1987, so zogen sich auch im Jubiläum 2012 die Veranstaltungen, Präsentationen und Ausstellungen über das ganze Jahr hin. Die Themen reichten von der „Stadt im Mittelalter“ bis hin zur „Stadt der Vielfalt“. Einige Fundorte sensationeller Ausgrabungen der letzten Jahre wurden im Herbst des Jubiläumsjahres Besuchern der Stadt präsentiert, bevor sie mit neuen Straßen, Plätzen und Häusern überbaut werden. Mit auffälligen temporären Markierungen zeichneten sich die ursprünglichen mittelalterlichen Kaufmannssiedlungen Cölln und Berlin als Doppelsiedlung ab. Die Inszenierungen mittelalterlicher Orte gaben den Blick frei auf die Ursprünge der Stadt.

Heute prägen Menschen aus aller Welt das Bild einer weltoffenen Metropole und sorgen mit dafür, dass Berlin in seiner Vielfalt an Attraktivität gewinnt. Die etwa 3,5 Millionen Berlinerinnen und Berliner stammen aus über 180 Staaten. Das Wirtschaftswunder der 50er Jahre zog neben den überwiegend türkischen auch Gastarbeiter aus den Mittelmeerländern an. Nach der Teilung Deutschlands kam es zu völlig unterschiedlichen Entwicklungen der Arbeitsmigration in Ost- und Westdeutschland. Zwei Drittel der in der DDR beschäftigten so genannten Vertragsarbeitsnehmer stammten aus Vietnam. Während damals die deutsche Industrie in Ost und West aktiv um Arbeitskräfte aus dem Ausland warb, kamen später insbesondere im Westen Wirtschafts- und politische Flüchtlinge ins Land.

„Preuße wird keiner denn durch Not …“, so konstatiert ein Flugblatt aus dem 18. Jahrhundert. Was für die Glaubensflüchtlinge der in Frankreich verfolgten Hugenotten oder der böhmischen Protestanten galt, trifft erst recht auf die heutige Flüchtlingssituation zu, die auch die Stadt Berlin vor große Herausforderungen stellt. Es müssen ja nicht zwei Drittel der Staatseinnahmen sein, die einst Friedrich Wilhelm für Integrationsmaßnahmen einsetzte. Allen ist klar, Integration kann nur als Prozess verstanden werden, an dem sich viele Institutionen und insbesondere Menschen beteiligen müssen, damit die Gesellschaft gerade auch in einer prosperierenden Metropole die Anstrengungen und Zumutungen tragen kann.

In den Jahren des Wirtschaftswunders schloss die Bundesrepublik Anwerbeabkommen mit diversen europäischen, afrikanischen und asiatischen Ländern. Nach der Wiedervereinigung strömten 220.000 jüdische Kontingentflüchtlinge aus den GUS-Staaten nach Deutschland, davon etwa 30.000 nach Berlin. Zwei Beispiele, die erklären, warum etwa eine Million der knapp 3,5 Millionen Berlinerinnen und Berliner einen Migrationshintergrund aufweisen.

Keine Frage, die Herausforderungen sind immens. Beispiele aus der Geschichte zeigen, es kann gelingen, zum Wohle aller. Berlin war schon immer eine tolerante und offene Stadt. Sie könnte es auch bleiben …